Zwei Reden in Weimar
Our rough guess is there are 24,000 words in this book.
At a pace averaging 250 words per minute, this book will take 1 hours and 36 minutes to read. With a half hour per day, this will take 3 days to read.
How long will it take you?
This book will take an estimated to read at a reading speed averaging words per minute. With 30 minutes per day, this will take to read.
Enter your reading speedYou can take one of our WPM reading speed tests to find your reading speed.
Create a free account to track your reading progress, build your reading list, and set reading goals.
We earn a commission on purchases
Author
Publication
2000 - Bibliothek der Provinz, Weitra, Niederösterreich, Austria
Language
German
Word Count
24,000 words, Guess
Page Count
96 pages
Physical Format
Hardcover
Identifiers
- Open LibraryOL6839042M
- ISBN-103901862056
- OCLC Control Number42920375
- Library of Congress Control Number00337101
- Goodreads6873483
Classifications
- DDC808.85
- LCCPT2668.E32 Z48 1999
Description
Leichter fiele mir die Rede über das Land, in dem ich wohne, wenn ich unbefangen an diesem für die Deutschen mythischen Ort darlegen könnte, daß ich hier längst schon Heimat vermutet hätte, bevor die Mauer niederging und den Blick freigab auf das Ende von Ideologie, Intoleranz und Idylle. Nicht geistige Heimat bloß – das fällt leicht, denn die beiden Heroen des Ortes ergänzen einander ja so vorteilhaft, daß man sich auch in beliebigen und grundlosen Zeiten wie der unseren gern von ihnen beschienen sein ließe. Nein, örtliche, konkrete Heimat, den Klang der Straßen, die Farbe der Luft meine ich – warteten wir nicht darauf, hier wieder zum Schauen bestellt zu sein? Wahr ist, daß ich daran so wenig geglaubt habe wie die meisten Bürger der Bundesrepublik; daß ich mich, gleichfalls wie die meisten, nicht nach einer Vereinigung sehnte. Ich wollte nur, wenn ich zu Besuch kam, nicht immer mit den Grenzern und ihrer spießigen Arroganz konfrontiert werden, jenen Allmachtsgescalten mit Schäferhunden in verschlossener Landschaft, die nach Polizeistaat roch. Wahr ist, daß ich mit meinem Geburtsort Eberswalde keinerlei Empfindung verband. Aber wahr ist auch, daß der Westen, in dem ich aufwuchs, mir ebenso wenig zur Heimat geworden ist. Deutsch sein war für mich die meiste Zeit meines Lebens ein unheimatlicher Zustand. Ich habe nun Anlaß, den Gründen dafür nachzuspüren. Doch wovon ist, wenn heute die gemeinte Geborgenheit in Land und Kultur beschworen wird, noch die Rede? Ist nicht der Begriff der Heimat durch unser demagogisches Jahrhundert derart pervertiert und für das Kommende durch Wekvernetzung so entleere worden, daß ihm ohnehin keine Bedeutung mehr zukommt? Merkwürdig nur, daß wir dennoch fast alle eine Erinnerung an Gegenden in uns tragen, in denen wir uns glücklich aufgehalten haben, uns zumindest wohl, wenn nicht angenommen und aufgehoben fühlten, mit denen wir vertraut waren oder sind, wie sie mit uns vertraut zu sein schienen – eine Gewißheit, eigentümlich amalgamiert aus Landschaft, Sprache, Gerüchen und Licht – jene Legierung der Kindheit eben, die wir Heimat nennen. Und wo wir solcher Erinnerung entbehren, wüßten wir doch zumindest unsere Sehnsucht danach zu beschreiben.
Subjects
Topics
Places
Series Statement
- Edition München
Reader Reviews
No reviews yet for this book.
Be the first to share your thoughts!